Essays
Arno Schmidt

 
   

One-Night-Stand im Hades. Arno Schmidts Tina oder Über die Unsterblichkeit

Erstdruck in: Macondo 12, Bochum, Dezember 2004.

Macondo Nr. 12 (2004)
▲ Macondo Nr. 12
   

Der Beitrag erschien in der Kategorie "Herzensbuch".
In Arno Schmidts Version des Dichter-Hades spaziert das Ich, der unverkleidete Autor, in der Dämmerung des Novembers 1955 durch Darmstadt. In einer Apotheke trifft er einen Mann ("entweder Schwätzer oder Kollege, also halb Deubel halb Satan"), der ihn anspricht und ihn nach bestandener Gesinnungsprüfung ("Sie sind Atheist? : Ich auch.") einlädt, 36 Stunden in genau dem Hades zu verbringen, den der Erzähler als das Autorenjenseits ohnehin vermutete. So eine Stippvisite ließe sich einrichten, denn: "Wir dürfen das alle 10 Jahre einmal machen, daß wir Einen mit runternehmen".
Dieser nette Agent führt ihn zu einer Litfasssäule, in die ein Zeitungskiosk eingebaut ist. Hier im Büdchen zwischen Welt und Totenreich arbeitet Tina Halein, eine untote Lyrikerin (1801-1877). Der Einstieg geschieht James-Bond-artig durch die hohle Säule, mit einem engen Aufzug. Schon während der Fahrt küsst Tina den Erzähler und schiebt ihm konspirativ ihre jenseitige Adresse zu. Unten im Hades, einem städtischen Höhlensystem, hängen die toten Autoren herum, zwar in ihren ehemals schönsten, frei zu wählenden Verkörperungen - aber sie leiden.
Das Prinzip ist so einfach wie einleuchtend: Sie, die zu Lebzeiten ihre Namen wie markierende Hunde überall hinterließen und zwanghaft ihr Werk sichern wollten, sind genau deshalb in der Nachwelt verflucht. Ihr personales Jenseits ist verwirklicht, aber es bedeutet ihnen nichts mehr. Die Jahrhunderte des Unvergessenseins werden zur Folter. Die Autoren dürfen erst dann richtig sterben, wenn dort oben nicht der geringste Hinweis auf sie mehr existiert. Die Sehnsucht nach der fernen endgültigen Auslöschung bewegt die Untoten.
Diese Göttliche Komödie von 1956 ist ein Heiden-Spaß im Betthupferlformat, eine hochkonzentrierte und dabei vergleichsweise federleichte Erzählung, die für Schmidt-Neulinge ein idealer Einsteig ins Werk wäre, ähnlich wie der Erzähler von der verstorbenen Tina in die Unterwelt eingeführt wird.

Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe I, Band 2
▲ Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe I, Band 2

Tina Halein
▲ Namensgeberin Tina Halein (1801-1877)