Essays
Vladimir Nabokov

 
   

Galeerensklaven genehmigt. Jahre mit Vladimir Nabokov

Erstdruck in: Am Erker Nr. 58, Münster, Dezember 2009.

Am Erker Nr. 58 (2009)
▲ Am Erker Nr. 58 (2009)

   

Vladimir Nabokov (1899-1977) ist in Mode und zugleich einer der größten un-"authentischen" Autoren der letzten hundert Jahre. Mit ihm bleibt man selbst nach Jahrzehnten der Beschäftigung per "Sie", und nicht einmal seine Memoiren ändern das. Der Mann entzieht sich einfach, ohne irgendwem den Gefallen zu tun, aktiv zu flüchten in einer wie auch immer motivierten Koketterie, die man "menschlich" nennen könnte, oder sich zwanghaft zu verstecken. Analysiert man seine Texte, entziffert man Andeutungen und präpariert Motivstränge heraus, so endet die Nabokovsche Rätselstrecke in keinerlei Erkenntnis, keiner biografischen Enthüllung, auch sonst in keinem Schluss, jedesmal fehlt etwas nach der Schnitzeljagd. Dieser Autor personifiziert das Spiel, und Ernst macht bei ihm vor allem sein eiserner Leichtigkeitsstil. Man wird nicht wirklich warm mit ihm, andererseits stößt man ihn deshalb auch nicht von sich: Er ist weder Vaterfigur noch das Objekt eines Vatermordes, taugt letztlich weder als Lehrer noch als Leitbild, Guru oder Augur, und nie nickt er einem zu oder fordert etwas. Und das, obwohl es eine geradezu sektenhafte Ergebenheit verlangt, sich mit ihm im selben Medium zu befassen. Über Nabokov zu schreiben, führt schnell dazu, seine Art zu kopieren und dann eine gedrechselte Nachahmung abzuliefern. Muss man zur Annäherung an den Meister dessen unformulierte ästhetische Gesetze befolgen, um überhaupt einen Zugang zu finden? Das Hinterherspüren scheint tatsächlich die Hauptarbeit bei der Beschäftigung mit ihm zu sein, und deshalb imitiert man als Mammutjäger eben den Tanz des Mammuts. So wie man das Tier versteht. Oder wie man es verwenden will. Es dauert seine Zeit, bis man weiß, was man an Nabokov brauchen kann.

Vladimir Nabokov: 'Lolita', deutsche Erstausgabe 1959
▲ Deutsche Erstausgabe von Lolita (1959)

Vladimir Nabokov: 'Lolita', Erstausgabe 1955
▲ Erstausgabe von Lolita (1955)