Rezensionen
für Am Erker

 
   

Sylvie Schenk: Heute ist auch noch ein Tag. Roman. Stuttgart, Klett-Cotta 2004.

In: Am Erker 47, Münster, Juni 2004.

"Sing, Kater, sing, und stirb nicht."

Frühpensionär Reinhard Himmelreich findet die verheiratete Vermieterin Angela von Steinhöfel so sexy wie sie ihn, und sie treiben es noch vor dem Unterschreiben des Mietvertrages auf dem Teppich der leeren Wohnung. Angela hält die Affäre geheim. An dem einen Tag, an dem die Handlung dieses Buches spielt, verkleidet sich Paula, Angelas Tochter, als Zigeunerin für eine multikulturelle Aktion ihrer Deutschklasse und bietet wertlose Deckchen an. Ohne zu ahnen, dass ihre Mutter ein Verhältnis mit Himmelreich hat, klingelt die falsche Zigeunerin auch bei ihm. Himmelreich fühlt sich schwer an eine sehr junge schöne Angela erinnert und erleidet einen Herzinfarkt.
Ein zweiter Hauptstrang: Ruth Beckett, eine ehemalige Lehrerin, vermisst ihren alten Kater Farinelli. Eine verzweifelte Suche beginnt, das angefahrene Tier schleppt sich noch zurück bis zu ihr, rührt sich dann aber kaum mehr, und Ruth, die Agnostikerin, verdrängt den Gedanken an den Verlust ihres einzigen Gefährten. Er stirbt ihr unter den Händen weg, und sie trägt seine erkaltende Leiche im Rucksack zum Friedhof, um ihre eigenen Vergangenheiten zu begraben: Farinelli war eine "getigerte Matrioschka", in ihn legte Ruth Beckett alle Menschen hinein, die sie jemals geliebt hat. Das Suchen, Anbeten und Verabschieden des Katers ist meisterhaft beschrieben, so bewegend wie unkitschig, auch endgültig, als sei morgen kein Tag mehr. Sylvie Schenk, die 1944 in Frankreich geboren wurde und unglaublicherweise erst mit 22 Jahren Deutsch lernte, legt hier ihr bestes deutsches Buch vor, in dem alle sieben Hauptpersonen, die in derselben Straße wohnen, einander kunstvoll ihre Wege kreuzen wie Billardkugeln.

Am Erker Nr. 47
▲ Am Erker Nr. 47 (2004)

Sylvie Schenk: 'Heute ist auch noch ein Tag'
▲ Sylvie Schenk: Heute ist auch noch ein Tag (2004)