Rezensionen
für Bücher - das Magazin zum Lesen

 
   

In den ersten sieben Ausgaben der Zeitschrift "Bücher" standen meine sieben Beiträge zur Kolumne "Überschätzte Bücher": Polemiken auf Bestseller (gerne Schullektüren). Hier die unredigierten Fassungen.

Überschätzte Bücher, "Bücher" 1/2005, Essen, November 2004.

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Wenn Bölls erfolgreichstes Buch eine Packungsbeilage hätte, müsste dort folgender Hinweis stehen: garantiert ohne Risiken und Nebenwirkungen. Dass diese harmlose Erzählung noch dreißig Jahre später im Unterricht behandelt wird, dürfte drei Gründe haben: Erstens benötigen die Lehrer keine Erläuterungen, zweitens ist das Buch dünn genug, damit sogar die Kids bis zum Ende durchhalten, und drittens fühlen sich alle Beteiligten nach dem Lesen "gütig" (das Lieblingswort von Katharina Blum).
Die junge Kölner Hauswirtschafterin aus kleinen Verhältnissen soll "humorlos" sein, eigentlich "adrett kühl", andererseits "radikal hilfsbereit", man bezeichnet sie als "Nonne" - Böll verwendet zwar viel Mühe darauf, seiner Figur einen zeitgeistigen Anstrich zu verpassen, aber ihre Wesensart bleibt die des fleißigen Lieschens, des grundanständigen Mädels. Auch ihr Chef Dr. Blorna und dessen Frau sind herzensgütige Lore-Roman-Figuren.
Doch da: Plötzlich brennt die spröde Katharina nach einem völlig unmotivierten Leidenschaftsausbruch mit dem Kleinkriminellen Ludwig Götten während des Karnevals durch - der rheinische Katholik Böll meinte wohl, er müsse das Abenteuer mit den heidnischen tollen Tagen entschuldigen. Was an Götten so göttlich war, dass die "fast prüde" Katharina nach wenigen Minuten "südamerikanisch" mit ihm tanzte und sich abschleppen ließ, verrät der Autor nicht. Gleich bei Tagesanbruch ereilt Katharina die Strafe: Zwar kann sie verhindern, dass Götten von einer Polizeisturmtruppe geschnappt wird, doch erstens verhört man sie ruppig als Komplizin, und zweitens verbeißt sich das Boulevardblatt ZEITUNG in sie wie ein Pitbull. Der Reporter Tötges diffamiert "die Blum" als herumhurende Räuberbraut.
Tötges. Wahrscheinlich schwankte Böll zwischen drei genialen Namens-Einfällen: Übeling, Fiesner, Tötges. Und damit jeder Schüler merkt, dass der Böse böse ist, wird Tötges mit dem Adjektiv "schmierig" vollständig charakterisiert. Das ist Kunst. Tötges verschuldet den Tod von Katharinas krebskranker Mutter, weil er sie im Hospital ausquetscht. Er knickt also mehrere Blumen. Götten wird gefasst und entlastet seinen romantischen One-Night-Stand, aber die Hetzartikel der ZEITUNG führten längst zu Drohbriefen und Telefonterror. Katharina schaltet (wieder unmotiviert) auf eiskalt um, und "planvoll, keineswegs erregt" erschießt sie Tötges, der ihr, wie praktisch, auch noch vor der Wohnungstür auflauert und "erst einmal bumsen" will. Jede gütige Frau hätte diesen Megaschurken umbringen dürfen, erst recht die heilige Johanna der Revolverblätter.
Nicht ein Stäubchen Schlechtes fällt auf Katharina. Literarisch ist an diesem Buch höchstens der Protokollstil, der das schablonenhafte Personal mit dokumentarischer Echtheit versehen möchte. Nebenbei transportiert Katharina, die als Kind "fromm und kirchentreu" war, unterschwellig eine erzkatholische Botschaft: eine einzige Leidenschaft dieser "Nonne", eine einzige Übertretung im jungen Leben, und sofort lodert das Höllenfeuer.
Die Geschichte hat selbstverständlich ein Happy End: Sie stellt sich, und in der Haft gilt sie als vorbildliche Gefangene, die frohen Mutes ihre Zukunft plant. Alle sind glücklich. Wann kommt das Musical?

Magazin Bücher 1/2005
▲ Magazin Bücher 1/2005

Heinrich Böll: 'Die verlorene Ehre der Katharina Blum'
▲ Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1974)