Rezensionen
für Schweizer Monatshefte

 
   

Peter Weber: Die melodielosen Jahre. Frankfurt am Main, Suhrkamp 2007.
In: Schweizer Monatshefte Nr. 9/10, 87. Jg., Zürich, Oktober 2007 .

Kraut und Rüben kreuz und quer

Auf dem Cover prangt das Wort Roman genauso groß wie der Autorenname, der Titel und der Verlagsname, also ganz und gar un-verschämt. Im Hause Suhrkamp steht man der totalen Entwertung der Gattungs­bezeichnung Roman offenbar gleichgültig gegenüber, denn was dieses Buch ist, bleibt rätselhaft. Vielleicht erkennen Anhänger des Free Jazz darin eine Form oder sogar - wie der Titel es andeutet - etwas Musikalisches. Zwar sind die melodielosen Jahre ohne Zweifel melodielos, aber Peter Weber erweist sich hier eher als Maler, Fotograf oder Abfilmer, das Buch lebt von kurzen optischen Eindrücken.
Sinnbildlich hat es die Un-Form eines Haufens nach dem Auskippen mehrerer Schubladen. Das Chaos soll vermutlich als Gerümpel-Installation durchgehen, damit Leser denken, der Autor wisse, was er da tut. (Hartnäckige Free-Jazzer sagen jetzt: Ordnung und Gradlinigkeit sind falsch, fast so schlimm wie Melodik.)
Dieses Snapshot-Album mit seinen wenigen Handlungs­partikeln ist nur durch ein simples Prinzip überhaupt lesbar: Ein junger Mann fährt kreuz und quer durch Europa und teilt seine Reflexionen mit. Er heißt entweder "ich" oder "O" oder "Oliver" und reist meist per Bahn (sein "Generalabonnement" erinnert an Sten Nadolnys Netzkarte) oder per Flugzeug zwischen Frankfurt, Berlin, Warschau, Istanbul, Görlitz, Italien, Prag, Leipzig, Zürich und London herum, auch New York wird gestreift. Mal liefert er Einträge wie aus einem risikoscheuen Tagebuch, mal teilt er aneinandergereihte Beobachtungen mit wie in einem unpersönlichen Internet-Blog, er streut Gedanken zur Musikgeschichte hinein, und dann wiederum präsentiert er gestochen scharfe, ja hochschreckende Bilder.
Allerdings nützen die Reisen höchstens mittelbar, denn die stärksten und überzeugendsten Episoden bestehen aus Schweizer Kindheitsszenen und Betrachtungen zum Tourismus in der Schweiz. Zwischendurch tauchen Szenen mit einem gewissen "Mr. Please" auf, warum auch nicht, da hatte sich das Verstehen eh längst verabschiedet. Sogar eine sprechende Katze läuft einmal durchs Bild, heißt allerdings "Chopin" und grinst nicht. (Wieder raunt es aus der Free-Jazz-Ecke: Man darf spielen und anspielen, was man will, beliebig.)
Da der junge Müßiggänger nahezu kontur-, willen- und sorgenlos bleibt, müssen die Kulissen alles tragen. So entsteht das, was man früher einmal einen Reigen von Capriccios nannte. Andeutungen von größeren Projektideen scheinen durch - das wirkt, als hätte der Autor sich nicht aufraffen mögen, eine Sache zu verfolgen, sondern lieber die Schnipsel irgendwie kollagiert, um sie noch zu verwenden.
Dieses stellenweise schöne Flaneur-Buch könnte ebenso gut 50 oder 500 Seiten lang sein. Formal überzeugt es keinesfalls. Sprachlich gibt es ein paar tolle Wortschöpfungen zu entdecken: "Urbrumm", "mischwirklich", "Flitzlicht", "Welpenenglisch", auch hochpoetische Sätze: "Unter der Brücke werden flossenreich Blickzucker und Augentrost angerührt, Entenarbeit, Tauchvogelarbeit, von der herrschenden Schwanpolizei beaufsichtigt."

Schweizer Monatshefte, Oktober 2007
▲ Schweizer Monatshefte, Oktober 2007

Peter Weber: 'Die melodielosen Jahre'
▲ Peter Weber: Die melodielosen Jahre (2007)